Was ist dran am Hype um Longevity?

Christina Berndt

Christina Berndt

18. September 2025

Ein Zauberwort macht die Runde: Longevity, Langlebigkeit. Influencer und Vitalkliniken versprechen ein längeres Leben. Sie bieten Methoden an, die angeblich die biologische Uhr zurückdrehen. Was hilft wirklich, um gesund ein hohes Alter zu erreichen?

Es gibt sie, die Menschen, die sagen:  Mit 85 Jahren ist mein Leben lang genug gewesen. Ich habe alles gesehen, was ich will, die Kraft schwindet. Noch länger leben? Das muss nicht sein. 

Bryan Johnson gehört zweifelsohne nicht zu diesen Menschen. Der US-Amerikaner ist 48 Jahre alt und strebt nach der ewigen Jugend. Auch wenn seine Videos nicht verbergen können, dass Johnson inzwischen auf die 50 zugeht: Er ist einer der bekanntesten Longevity-Influencer. Nach eigenen Angaben nimmt er täglich 100 Nahrungsergänzungsmittel ein, überwacht seine physiologischen Daten rund um die Uhr und hofft, dass er sein Alter damit nicht nur aufhalten, sondern sogar zurückdrehen kann. 

Lässt sich der Tod hinauszögern?

Was ist dran an diesem Versprechen, das neben Johnson viele weitere Fitness-Influencer, Anti-Aging-Päpste und Longevity-Kliniken vermarkten? Inwieweit lässt sich das Altern wirklich aufhalten, der Tod hinauszögern und die Zahl der gesunden Lebensjahre vergrössern? Diese Fragen beschäftigen längst auch die seriöse Wissenschaft. 

Durschnittliche Lebenserwartung in der Schweiz

In der Schweiz kann man sich in dieser Hinsicht zu den glücklicheren Menschen zählen. Mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 82,4 Jahren für Männer und 85,9 Jahren für Frauen haben die Schweizer so viele Jahre vor sich wie sonst kein Volk in Europa. Und sehr wahrscheinlich noch einige mehr. 

Lebenserwartung in Europa steigt

Die durchschnittliche Lebenserwartung ist in den vergangenen 150 Jahren in ganz Europa stetig gewachsen. Berichte von extrem Hochbetagten zeigen, dass Menschen grundsätzlich sehr viel älter werden könnten, als es bei den meisten der Fall ist. Man muss nur an Persönlichkeiten wie die Französin Jeanne Calment denken, die 1997 mit 122 Jahren verstarb und den weltweiten Langlebigkeitsrekord hält. Oder die vielen über 100-Jährigen, die auf Sardinien und auf der japanischen Insel Okinawa leben.

Risiken von Longevity-Kliniken und Anti-Aging-Behandlungen

Nur: Was genau macht diese Menschen so zäh und für viele Jahre so gesund? Kann man ein langes Leben gezielt anstreben, wie Bryan Johnson das mit so viel Aufwand und Geld versucht? Und was müsste man dafür tun? 

Jedenfalls nicht das, was die Longevity-Kliniken so anbieten. Denn die meisten dort verkauften Versprechen sind leer, teuer und mitunter sogar gefährlich, sagt der Ernährungsmediziner Hans Hauner von der TU München. Ob Plasma aus dem Human Regenerator, Kältetherapie, Mitochondrien-Infusionen oder hohe Dosierungen von Nahrungsergänzungsmitteln mit so interessanten Namen wie Taurin und Resveratrol: Dass diese Methoden wirken, wurde nie bewiesen. Mitunter kommt es sogar zu schwerwiegenden Zwischenfällen, wie bei dem Mann, der im Juli 2025 nach einer fragwürdigen Blutbehandlung in einer Wiener Verjüngungsklinik ein Hirnödem erlitt und ins Koma fiel. Nicht ohne Grund warnen internationale Gesundheitsbehörden vor Verfahren wie der Kältetherapie.

«Die meisten verkauften Versprechen sind leer, teuer und mitunter sogar gefährlich.»

- Hans Hauner

Bryan Johnson hat sich älter gemacht

Kliniken und Influencer versuchen, den Erfolg ihrer Verfahren mit Studien zu belegen. Diese seien aber meist schlecht gemacht, meint Mediziner Hauner. Oder es handle sich um Studien mit Mäusen, sagt Hauner, «und die haben keine Aussagekraft in Bezug auf die Wirksamkeit». Wie wenig Mäusedaten über den Nutzen am Menschen verraten, musste Bryan Johnson am eigenen Leib erfahren: Jahrelang hatte er den Wirkstoff Rapamycin als Wundermittel gepriesen. Vor 15 Jahren hatte eine Studie gezeigt, dass Mäuse länger leben, wenn sie diesen Wirkstoff frassen. Vor Kurzem lieferte eine Studie jedoch Hinweise, dass die Substanz das Altern womöglich sogar beschleunigt. «Ich habe aufgehört, Rapamycin zu nehmen», sagte Johnson daraufhin kleinlaut. «Ich habe mich damit aus Versehen älter gemacht.»

 

 

Telomere – die Zündschnüre des Lebens

Aber wie trotzt man dem Altern nun wirklich? Um das zu verstehen, untersuchen seriöse Wissenschaftler möglichst detailliert Alterungs-prozesse im Körper. Denn gewiss ist: Menschen können etwa mit 50 Jahren sehr unterschiedlich alt sein. Auch wenn der Geburtstag unverrückbar im Pass steht – das biologische Alter von Menschen ist oft ein ganz anderes. Der Körper von manchen 50-Jährigen ist eher 40, von anderen hingegen eher 60 Jahre alt.

Wissenschaftler haben zahlreiche Methoden entwickelt, um das biologische Alter zu bestimmen. Sie betrachten zum Beispiel die Länge der Telomere – das sind Schutzkappen auf den Enden der Chromosomen in den Zellkernen. Mit dem Alter werden sie immer kürzer.  Man nennt sie deshalb auch «Zündschnüre des Lebens». Zudem gibt es Veränderungen im Erbgut selbst: Es kommt dort nicht nur zu genetischen Mutationen, sondern auch zu chemischen Modifikationen, sogenannten epigenetischen Veränderungen. «Eine Häufung solcher Modifikationen gehört zum Altern dazu.

Sie erhöhen im Laufe der Zeit das Risiko für Krankheit und Tod», sagt Alexandra Schneider. Sie leitet am Institut für Epidemiologie des Helmholtz-Zentrums München die Arbeitsgruppe Environmental Risks. Die erwähnten Veränderungen sind auf alle Fälle ein guter Zeitmesser für das biologische Alter. Und womöglich lässt sich mit ihrer Hilfe das Altern eines Tages verlangsamen oder gar zurückdrehen.

«Gerade beim Essen gibt es grosses Potenzial zur Verlängerung der Lebensdauer»

- Jonas Schreyogg

Was verlängert die Lebensdauer?

Man weiss schon heute recht genau, welche Verhaltensweisen das Ticken der biologischen Uhr verlangsamen. Dazu gehören: eine gute Ernährung mit vielen natürlich bunten Lebensmitteln wie Beeren und Auberginen. Ausreichend Schlaf. Ein paar Stunden körperliche Bewegung pro Woche, Stress in Massen und weitgehender Verzicht auf Rauchen und Alkohol. «Gerade beim Essen gibt es grosses Potenzial zur Verlängerung der Lebensdauer», betont Jonas Schreyögg von der Universität Hamburg.

Dabei scheint auch ein leichtes Darben hilfreich zu sein. Man solle nicht andauernd kleine Snacks essen, sondern auch mal Hunger bekommen, sagt der Ernährungsmediziner Hans Hauner. Wenn der Körper ständig Nahrung erhält, ist viel Zucker im Blut. Dies wiederum kann die Körperzellen unempfindlich machen gegenüber dem wichtigen Hormon Insulin, das nicht nur die Blutgefässe, sondern auch das Gehirn vor Demenz schützt. Ausserdem kann der Körper in der Zeit, in der er keine Nahrung verarbeiten muss, Schadstoffe besser entsorgen. 

Gibt es eine Longevity-Pille gegen das Altern?

Eine Kraft, die uns gesund altern lässt, wird oftmals unterschätzt – der soziale Faktor. Im Jahr 2023 zeigte eine Studie mit 5000 älteren US-Amerikanern, dass Menschen besonders lange leben, wenn sie ein dichtes Netzwerk aus Verwandten und Freunden haben. 

Es gibt also längst ein Longevity-Rezept. «Wir müssen nicht erst warten, bis eine Wunderpille kommt, die uns das lange Leben schenkt», sagt die Altersmedizinerin Ursula Müller-Werdan von der Berliner Charité. Die seriösen Mittel und Empfehlungen haben zudem unschlagbare Vorteile: Sie kosten im Gegensatz zu den sündhaft teuren Lifestylekliniken wenig, machen  das Leben angenehmer – und sie sind leicht zu bekommen.