Frau Prof. Bischoff-Ferrari: Wie möchten Sie alt werden?
Wie die meisten Menschen will ich nicht um jeden Preis uralt werden, sondern die Zeit der gesunden und aktiven Lebensjahre verlängern. Das ist auch das zentrale Thema unserer Forschung.
Gibt es ein Vorbild, einen Menschen, der für Sie das gesunde Altern verkörpert?
Ein Vorbild ist die Schriftstellerin Donna Leon, sie ist jung geblieben. Und sie inspiriert mich. In öffentlichen Verkehrsmitteln darf ich keine Mail von ihr aufmachen, weil ihr Humor mich mitreisst – ich muss laut loslachen. Ein weiteres Vorbild ist Roger Glover, Komponist und Bassist von Deep Purple. Ein brillanter Musiker und sympathischer Rockstar, dessen «Smoke on the Water» mir zwischen Sitzungen neue Energie gibt.
Warum fasziniert Sie das Thema Langlebigkeit?
In einer schnell älter werdenden Welt ist die Verlängerung der gesunden Lebenserwartung das anspruchsvollste Thema der Medizin. Zum ersten Mal können wir unseren biologischen Alterungsprozess messen und beeinflussen. Das birgt eine enorme Chance für die Prävention. Denn unser Alterungsprozess ist die Wurzel aller chronischen Erkrankungen, wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Demenz, Krebs, Diabetes und Osteoporose.
Immer mehr Menschen werden 100. Geht diese Entwicklung so weiter?
In der Schweiz wird jeder vierte Mensch, der heute zur Welt kommt, wohl mindestens 100 Jahre alt werden. Davon gehen wir aus. Die Schweiz hat in Europa nicht nur die längste totale, sondern auch die längste gesunde Lebenserwartung. In anderen Ländern gibt es hingegen eine Kehrtwende. In Deutschland und den USA nehmen die totale wie auch die gesunde Lebens-erwartung ab. Ein Grund ist der Lebensstil – weniger Bewegung und ungesunde Ernährung.
«Die Schweiz hat in Europa nicht nur die längste totale, sondern auch die längste gesunde Lebenserwartung. »
Wie sieht bei uns in Westeuropa die Alterspyramide von übermorgen aus?
Seit 2020 haben wir erstmals in der Geschichte der Welt mehr Menschen im Alter von 65 und darüber als Kinder im Alter von fünf Jahren und darunter. Dieser Trend setzt sich fort. Im Jahr 2050 – das erwarten wir – wird jeder dritte Mensch in Europa 65 Jahre oder älter sein, auch in der Schweiz. Die Zahl der Menschen mit Alter 80 und darüber wird sich bis dahin verdoppeln.
Welche Faktoren bestimmen, wie alt wir werden?
Der wichtigste gemeinsame Risikofaktor für die meisten chronischen Krankheiten ist unser biologischer Alterungsprozess. Mit zunehmendem Alter werden wir anfälliger, weil die Reparaturmechanismen unseres Erbguts, der Gene, nachlassen. Die gute Nachricht lautet: Wir können diese Reparaturmechanismen über einen gesunden Lebensstil stärken und Krankheiten, die im Erbgut verankert sind, unterdrücken oder hinauszögern.
Nur 10 bis 30 Prozent der Bandbreite der Lebenserwartung hängen von unseren Genen ab, das wissen wir heute. Der Rest wird beeinflusst von Umwelt und sozioökonomischen Faktoren, am stärksten aber von den Faktoren unseres Lebensstils. Und auf die kann jeder selbst einwirken. Sieben positive Faktoren sind bislang nachgewiesen:
1. Genug Schlaf. 7 bis 8 Stunden
2. Bewegung. 6000 bis 8000 Schritte am Tag; jeder Schritt zählt
3. Neue Dinge lernen – neugierig bleiben
4. Meditation, Achtsamkeit
5. Gesunde Ernährung. Am besten mediterran: viel Gemüse, gesunde Eiweissquellen wie Hülsenfrüchte. Wenig rotes Fleisch, dafür Poulet und Fisch. Gesunde Fette wie Olivenöl oder Rapsöl
6. Soziale Interaktion. Einsamkeit zu vermeiden, ist besonders wichtig
7. Nicht rauchen
Eine gute Nachricht: Schon kleine Veränderungen im Alltag können viel bewirken – vor allem, wenn man sie kombiniert. So macht es Spass, und es lässt sich durchhalten.
Seit 2012 leiten Sie die grösste Interventionsstudie zur Verlängerung der gesunden Lebenserwartung in Europa. Teilnehmende waren mehr als 2000 Probanden über 70, die aus 5 Ländern stammen. Welche Ergebnisse hatte die Studie?
Die Studie, abgekürzt DO-HEALTH, untersuchte Folgendes: Inwieweit helfen drei einfache Massnahmen, drei Jahre lang angewandt, recht gesunden Menschen im Alter 70+, gesund und aktiv zu bleiben?
- Omega-3 als Nahrungsergänzungsmittel, 1 Gramm pro Tag
- Vitamin D, 2000 IE pro Tag
- 3-mal 30 Minuten einfaches Krafttraining pro Woche und zu Hause
Wir haben gelernt: Diese Massnahmen bringen bei gesunden Menschen zwar keinen Vorteil in Hinblick auf Knochenbrüche, Blutdruck, Gedächtnis und Beinfunktion. Bei Einnahme von Omega-3 verringerte sich aber die Zahl von Stürzen und Infekten. Bei Menschen, die alle drei Massnahmen in DO-HEALTH kombiniert erhielten, zeigten sich zudem eine Verminderung neuer Krebserkrankungen um 61 Prozent und eine Verminderung frühzeitiger Gebrechlichkeit um 39 Prozent.
«Das biologische Alter kann man auch bei Menschen verjüngen.»
Die Studie DO-HEALTH zeigte zudem erstmals, dass man das biologische Alter nicht nur bei Mäusen, sondern auch bei Menschen verjüngen kann. Und dies mit den erwähnten einfachen Massnahmen. So konnte die Omega-3-Supplementation in DO-HEALTH das biologische Alter um etwa drei Monate verjüngen.
In Basel errichten Sie mit Mitstreitern einen Schweizer Campus für gesunde Langlebigkeit. Was bringt er den Menschen?
Der Campus ist eine überregionale Initiative von bisher zwölf Universitäten und ihren führenden Altersforschenden und ist mit der Universität Basel und der Universitären Altersmedizin Felix Platter assoziiert. Mit dem Campus schaffen wir eine einmalige Forschungsplattform zur gesunden Langlebigkeit. Gleichzeitig machen wir belegte, sichere wissenschaftliche Erkenntnisse für die Bevölkerung direkt nutzbar. Die Umsetzung findet in vier Pfeilern statt.
Der erste Pfeiler ist eine Campus-Klinik. Dort können Menschen ihre Gesundheit und den Lebensstil umfassend untersuchen lassen. Danach erhalten sie personalisierte Empfehlungen.
Im zweiten Pfeiler wollen wir die Volksgesundheit verbessern. Gemeinsam mit Pro Senectute Kanton Zürich werden wir das WHO-Konzept ICOPE für Menschen in der Schweiz zugänglich machen. Zurzeit läuft die Pilotphase. Innerhalb von vier Tagen haben sich dafür 1000 Personen beworben – ein gutes Zeichen. Das ICOPE-Programm richtet sich an Menschen ab 70. Es befähigt Menschen, sechs Funktionen regelmässig zu monitorisieren und zu stärken: Mobilität, Kognition, mentale Gesundheit, Sehen, Hören und Vitalität/Ernährung. Dies sind die sechs Funktionen, die für uns Menschen am wichtigsten sind und kombiniert unsere Resilienz abbilden.
Im Pfeiler drei fördern wir die gesunde Langlebigkeit von Berufsgruppen, zuerst die der Pflegefachkräfte. Und im Pfeiler vier stärken wir die Widerstandskraft von Patientinnen und Patienten über 70, die sich einer Operation unterziehen müssen. Damit wollen wir verhindern, dass nach einer Operation bestimmte Funktionen dauerhaft schwächer werden; dies ist leider häufig der Fall.
Sie haben internationale Richtlinien mit- entwickelt, die Bewegung als zentralen Hebel fürs gesunde Altern definieren. Warum ist Bewegung so mächtig?
Bewegung ist eine Wunderpille, das zeigt die Forschungsliteratur. Denn Bewegung senkt das Risiko für alle häufigen chronischen Erkrankungen. Sie verlangsamt den biologischen Alterungsprozess. Und sie bewahrt uns davor, wichtige Funktionen zu verlieren, etwa Mobilität, mentale Gesundheit, Hören oder Sehen.
In einer grossen Studie mit über 36 000 Personen zeigte sich: Menschen, die 8000 bis 10 000 Schritte am Tag gehen, können das Risiko frühzeitiger chronischer Erkrankungen um 40 Prozent vermindern. Beeindruckend!
Dennoch: Viele Menschen schaffen es nicht, Bewegung in ihren Alltag einzubauen. Was raten Sie denen, die sagen: «Ich habe keine Zeit, keine Lust»?
Jeder Schritt hat eine grosse Wirkung auf unsere Gesundheit. Das zeigt die Forschung eindeutig, und dies motiviert. Bewegung macht natürlich mehr Freude in Begleitung oder mit Musik im Ohr. Gespräche im Gehen trainieren zudem unser Gehirn, weil wir zwei Dinge gleichzeitig tun, Gehen und Reden. Bewegung verbessert ausserdem die Verdauung, und man schläft besser. Überlegen Sie sich Strategien, die motivieren! Setzen Sie sich ein Ziel, für sich selbst, für die eigene Gesundheit. Und stellen Sie sich vor, wie gut Sie sich bei und nach einem Spaziergang fühlen!
Es reicht also, wenn ich jeden Tag ein paar Treppen steige und spazieren gehe?
Wie erwähnt: Im Kampf gegen chronische Erkrankungen zählt jeder Schritt. Wenn Sie Stürze und den Verlust von Funktionen verhindern wollen, sollten Sie zusätzlich Ihr Gleichgewicht trainieren sowie Beine, Arme und Rumpf kräftigen. Etwa mit Pilates und Yoga. Gerne auch beim Tanzen, beim Tennis oder beim Training im Fitnessstudio. Für die besten Resultate kombiniert man mehrere gesunde Faktoren des Lebensstils, und sei es nur ein wenig, weil sich damit additive Vorteile ergeben.
Damit Bewegung mehr Freude bereitet, haben wir GRUUVE entwickelt. Das Programm verbindet Achtsamkeit mit Koordination und leichtem Krafttraining. Schauen Sie doch einmal auf www.gruuve.ch – und machen Sie gleich mit!
«Gute Ernährung ist wie Bewegung eine Wunderpille ein Multitalent.»
Welche Rolle spielen Ernährung und soziale Kontakte beim Altern?
Eine riesige Rolle! Gute Ernährung ist wie Bewegung eine Wunderpille, ein Multitalent. Soziale Kontakte sind ebenfalls sehr wichtig. Einsamkeit beschleunigt das Altern. Sie ist schlechter für unsere Gesundheit als Übergewicht, als Bewegungsmangel oder 16 Zigaretten am Tag. Wenn wir einsam sind, fehlen uns die Motivation, gesund zu essen oder uns zu bewegen, und Stimulation für unser Gehirn. Dazu bedeutet Einsamkeit Stress, weil uns Menschen fehlen, auf die wir uns in schwierigen Situationen verlassen können. Also soziale Netzwerke pflegen und regelmässig eine Party feiern!
Als Professorin sind Sie Hochschullehrerin und Forscherin, und Sie sind in vielen Gremien aktiv. Ein normaler Arbeitstag – wie schaut der aus?
Einen normalen Tag gibt es selten. Jeder Tag ist eine Mischung aus meiner Arbeit mit Patienten, aus Führungsaufgaben, Sitzungen, nationalen und internationalen Aufgaben. Sehr spannend. Dazu kommen spontane Dinge – alles, was ein grosses Team mit sich bringt. Und Forschungsprojekte. An der Universität darf ich mit Medizinstudierenden zusammenarbeiten.
Rund um Langlebigkeit, neudeutsch «Longevity», ist ein Milliardenmarkt entstanden. Es gibt Superfoods, spezielle Diäten und teure Kliniken. Was halten Sie von diesen Angeboten?
Das Thema Longevity ist in der Bevölkerung angekommen, die Menschen sind interessiert. Doch es herrscht Wilder Westen. Viele Messmethoden und Behandlungen werden ohne ausreichende wissenschaftliche Belege und Sicherheitsprüfungen angeboten. Genau diese Tatsache war entscheidender Anstoss für den Aufbau des Schweizer Campus für gesunde Langlebigkeit.
Wenn Sie auf die Schweiz blicken: Was muss sich in Staat und Gesellschaft ändern, damit wir länger gesund bleiben?
In der Gesundheitspolitik müssen wir über das jetzige Modell zur Finanzierung der Medizin sprechen. Die Medizin und ihr Vergütungssystem sind überwiegend auf die Behandlung von Krankheiten ausgerichtet. Wir wollen aber nicht nur behandeln, wir wollen auch vorbeugen, wollen die Gesundheit fördern. Diese Leistungen müssen im System ebenfalls berücksichtigt werden.
Viele unserer Leserinnen und Leser sind über 50. Was möchten Sie ihnen mit auf den Weg geben? Bitte ein Tipp, der sofort wirkt.
Sie haben einen mächtigen Hebel, wenn Sie das biologische Altern verlangsamen und Ihre gesunde Lebenserwartung erhöhen wollen: Ihre Lebensweise. Versuchen Sie, verschiedene Lebensstilfaktoren kombiniert zu verändern. Damit lassen sich grosse Effekte erreichen, die nachhaltig sind. Und das mit Spass und in Gesellschaft!
Zur Person
Heike A. Bischoff-Ferrari stammt aus Baden-Württemberg. Studium in Basel, Zürich und Boston, Doktorate an der Universität Basel, der Universität Zürich und an der Harvard School of Public Health in Boston. Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin mit Schwerpunkt Geriatrie sowie Fachärztin für Physikalische Medizin und Rehabilitation.
Seit 2012 leitet Prof. Bischoff-Ferrari die grösste europäische Studie zur gesunden Langlebigkeit: DO-HEALTH, DO-HEALTH-BioAge und die DO-HEALTH KohorteSo.
2013 erhielt sie an der Universität Zürich den ersten Lehrstuhl für Geriatrie und Altersforschung. Bis 2023 baute sie mit ihrem Team am Universitätsspital Zürich und am Stadtspital Zürich-Waid die erste universitäre Klinik für Altersmedizin auf.
Seit 2020 ist sie Beirätin der WHO im Clinical Consortium Healthy Aging. Seit 2024 leitet sie das Global Health Extension Consortium mit zwölf universitären Partnern. Seit 2025 ist sie Mitglied der Academy for Health and Lifespan Research.
Seit Juli 2025 ist sie Professorin für Geriatrie an der Universität Basel. Sie leitet das Departement Akute Altersmedizin am Felix-Platter-Spital und ist Gründungsdirektorin des neuen Schweizer Campus für gesunde Langlebigkeit.
Als Richtlinien für ihr Leben nennt Prof. Bischoff- Ferrari: neugierig bleiben. Einen Beitrag leisten in kleinen und grossen Dingen. Sich selbst mit Menschen umgeben, die inspirieren.