In der Cafeteria im Erdgeschoss des vierstöckigen Gebäudes Diabolo Menthe bietet Emmanuel Michielan Meringue und Double crème an. Ein Freiburger Dessertklassiker – und ein Überbleibsel vom Vortag, als hier 35 Bewohnende über Mittag die Fête de la Bénichon feierten; ein traditionelles Freiburger Herbstfest. «Fast das gesamte Haus war dabei», freut sich Michielan, der Geschäftsleiter von Pro Senectute Freiburg.
Zwischen Hochbeet und Pétanque
Diabolo Menthe ist ein spezielles Haus: 95 Prozent der Mieter sind im Rentenalter, die meisten zwischen 70 und 80 Jahre alt, meist alleinstehend oder verwitwet, mehrheitlich Frauen. Aber auch drei Paare leben in den 42 Alterswohnungen, die verteilt über vier Stockwerke im sechseckigen Haus liegen.
Die Stiftung Pro Senectute, die sich um das Wohl von älteren Menschen kümmert, hat ihre Büros im Erdgeschoss, gleich neben der Cafeteria. «Wir nutzen den- selben Pausenraum und dieselbe Kaffeemaschine – und an unserem Empfang ist tagsüber immer jemand», sagt Michielan. «Das schätzen die Bewohner im Haus sehr.» Weitere Begegnungsorte für die Mieterinnen und Mieter sind: ein gemeinsamer Wäscheraum im ersten Stock, eine Pétanque-Bahn vor der Cafeteria und ein Hochbeet zum Gärtnern beim Haupteingang.
Visiten gegen Einsamkeit
Was Diabolo Menthe zusätzlich auszeichnet, ist die Conciergerie sociale, ein sozialer Hausabwartsdienst. Eine Mitarbeiterin von Pro Senectute steht den Be-wohnenden gemeinsam mit einer Praktikantin tagsüber zur Verfügung – sei es für einen Schwatz oder für technische Fragen. Sie organisieren auch gemein-same Ausflüge und vereinbaren Arzttermine. «Die Hälfte der Bewohnenden erhält zwei- bis dreimal pro Woche eine Visite», sagt Michielan. «Sie brauchen et- was mehr Unterstützung und sozialen Austausch.» Alle bezahlen monatlich 250 Franken für diesen Dienst. Wer darauf angewiesen ist, kann sich zusätzlich das Mittagessen ins Haus liefern lassen. Ausserdem gibt es einen optionalen Reinigungsdienst, und Pro Senectute steht in engem Kontakt mit Spitex-Diensten für Mieterinnen und Mieter, die Pflege benötigen.
«Die Hälfte der Bewohnenden erhält zwei- bis dreimal pro Woche eine Visite.»
Die Alterswohnungen sind Teil der Überbauung Passage du Cardinal. Die liegt rund zehn Minuten Fussweg vom Bahnhof Freiburg entfernt direkt an den Bahngleisen. Die Überbauung hat insgesamt 136 Wohnungen. Entwickelt und umgesetzt hat sie die Adimmo AG, im Auftrag der blpk. 2025 feierte die Passage du Cardinal ihr zehnjähriges Bestehen.
Wie alles begann
Georg Meier, Leiter Portfolio Management bei Adimmo AG, erinnert sich an die Anfänge der «Passage»: «Ein Architekturbüro in Freiburg kam mit einer Idee auf uns zu. Wie wäre es mit einem Wohnangebot für ältere Menschen, die nicht mehr voll selbstständig sind, aber auch noch nicht pflegebedürftig?» Pro Senectute wurde bewusst ins Haus geholt. Für ihren Service erhält die Organisation von der blpk einen Kostenzuschuss in der Höhe von rund 100 000 Franken jährlich. Von Beginn weg sei klar gewesen, dass die Alterswohnungen im Diabolo Menthe baulich von den restlichen Wohnungen getrennt werden. «Die Wohnbedürfnisse sind je nach Alter unterschiedlich. Das kann zu Konflikten unter den Mietern führen», sagt Meier. Doch ein Austausch zwischen den Bewohnerinnen der Alterswohnungen und der restlichen Überbauung war von Anfang an ausdrücklich gewünscht.
«Ich habe hier die Freiheit, zu tun, was ich will. »
Freiheit und Sicherheit
In der Cafeteria sitzen die 74-jährige Yolande Wohlhauser und Marie-Thérèse Kilchör, 57, an einem Tisch. Die beiden haben sich im Diabolo Menthe kennengelernt und sind beste Freundinnen geworden. Sie treffen sich regelmässig zum Kaffee oder für einen Aperitif auf der Terrasse. Beide haben gesundheitliche Probleme, sind aber weitgehend selbstständig. «Ich habe hier die Freiheit, zu tun, was ich will», sagt Kilchör. «Gleichzeitig weiss ich, dass immer jemand da ist, der mir helfen kann.»
Die beiden Frauen schwärmen vom Fest am Vortag, von regionalen Leckereien und dem gemütlichen Zusammensein. Sie erzählen auch von der Jubiläumsfeier zum zehnjährigen Bestehen der Passage du Cardinal, die im Mai im Innenhof stattfand, mit Gesang, Musik und selbst gemachten Köstlichkeiten. «Solche Anlässe machen für mich die Freude am Leben aus», sagt Wohlhauser. Doch leider seien es meist dieselben, die am Programm im Diabolo Menthe teilnehmen. «Mit den Nachbarn der restlichen Überbauung haben wir selten Kontakt.»
Die Nachbarn hört man praktisch nie
Diese Nachbarinnen und Nachbarn sind mehrheitlich jung und alleinstehend; hinzu kommen einige Familien mit Kleinkindern. Emie Schenevey ist vor einem Jahr in die Überbauung gezogen. Seither lebt sie gemeinsam mit ihren zwei Katzen in einer grosszügigen 2 1/2-Zimmer-Wohnung. Sie ist sehr zufrieden, schätzt die zentrale Lage in Freiburg, die Einstellhalle für das Auto und den modernen Ausbaustandard. «Das Haus ist so gut isoliert, dass man seine Nachbarn praktisch nie hört. Aber ich sehe sie auch nur selten.» Schenevey hat am Jubiläumsfest im Innenhof teilgenommen. Manchmal sehe sie die Bewohnenden vom Diabolo Menthe beim Pétanque-Spiel, erzählt sie, aber direkten Kontakt pflege sie persönlich nicht.
«Der intergenerationelle Austausch funktioniert nicht automatisch. »
Geringe Nachfrage nach Alterswohnungen
«Der intergenerationelle Austausch, wie er für die ‹Passage› ursprünglich angedacht war, funktioniert nicht automatisch. Das ist heute klar», sagt Georg Meier von der Adimmo AG. «Wir sehen das auch bei anderen Wohnprojekten: Nur wenn sich jemand wirklich für diesen Austausch einsetzt, findet er auch statt.»
Die Nachfrage nach reinen Alterswohnungen fiel geringer aus als erwartet. «Es hat länger gedauert, bis wir sämtliche Wohnungen vermietet hatten. Viele Menschen wollen so lange wie möglich bei sich zu Hause bleiben und ziehen erst um, wenn sie pflegebedürftig werden.» Daher steigt die Nachfrage nach Wohnangeboten mit integrierter Pflege, ist Meier überzeugt.
Jugendliche kochen für Senioren
Emmanuel Michielan hält am Ideal des Kontakts zwischen den Generationen fest: «Wir merken, dass Seniorinnen der Austausch mit Jüngeren guttut. Deshalb fördern wir diesen auch gezielt.» Im Alltag sei dies aber nicht immer einfach. Er hat zum Beispiel versucht, die Bewohnerinnen und Bewohner der Überbauung für ein Projekt zusammenzubringen, um gemeinsam die Baumtöpfe und Stühle im Innenhof zu bemalen. Doch die Initiative wurde schliesslich ohne die jüngeren Mieter umgesetzt. Besser funktioniert die Zusammenarbeit mit einer nahen Sekundarschule. Die Jugendlichen kochen in der Cafeteria für die Seniorinnen und unterstützen bei der Abfallentsorgung. Sie halfen damals auch beim Bemalen der Baumtöpfe. «Daraus sind vereinzelt Freundschaften geworden», erzählt Michielan. «Doch damit diese entstehen können, muss man sich regelmässig begegnen. Und dafür braucht es gegenseitiges Interesse.»