Eine Frage beschäftigt uns alle früher oder später: «Wie möchte ich leben, wenn ich alt bin? Irgendwann schwinden die Kräfte. Wo will ich dann sein – in einem Heim?» Oh nein! Für viele ist der Gedanke unerträglich. Denn Pflegeheim, das klingt nach einem öden, lieblosen Lebensabend.
Ein Haus in Basel soll anders sein als viele seiner Art. Adullam. Merkwürdiger Name. «Bei uns ist immer etwas los», das werden wir hören. «Sechs, acht Angebote jeden Tag. Und die Bewohner sind mit Eifer dabei.»
Treffpunkt Mittlere Strasse
Ortstermin in Basel, Mittlere Strasse. Zur Stadt hin wirkt der Bau der Stiftung abwehrend – ein Riegel, weiss, sechs Stockwerke, knapp 100 Meter lang. Gleich an der Tür kippt das Bild. Warmer Empfang, helle Farben und auch sonst gibt’s viel fürs Auge: Bilder, robuste Pflanzen, Drachenbaum, Yucca-Palme, Wunderstrauch und hier und da ein frecher Spruch wie der von Nietzsche: «Im Gebirge der Wahrheit kletterst du nie umsonst.» Durch die Hintertür schaut dichtes Grün herein, es ruft, es lockt.
Die Stiftung, gut 100 Jahre alt, hat zwei Standorte, Basel und Riehen. Jeder Standort umfasst Pflegezentrum und Spital für ältere Menschen. An beiden Orten arbeiten sie Hand in Hand: Pflegende und Ärzte, Sozialberatung und Seelsorge, Physio-, Ergo-, Ernährungstherapie, Psychologen. Der Service im Restaurant ist wichtig, die Reinigungskräfte sind wichtig. Und die Leute vom technischen Dienst, die kommen, wenn ein Fernseher nicht funktioniert oder eine Lampe.
Die Gebäude in Riehen sind modern, wirken wie ein Hotel. In Basel ist Adullam ein Komplex zwischen Mittlerer Strasse und Missionsstrasse, ein Nebeneinander aus eher betagten Bauten und viel Natur.
«Die Menschen bei uns sollen sich beschützt fühlen, aufgehoben. »
Drei Frauen, drei Blickwinkel
Wir sind mit drei Frauen verabredet. CEO Sabine Eglin Buser; Esther Richard, Leiterin Aktivierung, und Claudia Wasmer, zuständig für Kommunikation und Marketing. Wir wollen wissen: Was ist besonders an Adullam, dieser privaten Stiftung, die offen ist für alle Menschen der Region? Zwei Dinge, mindestens.
«Adullam – der Name hat ja eine Geschichte», sagt Esther Richard. «In der Bibel ist das eine Höhle, ein Ort der Zuflucht. Die Menschen bei uns sollen sich beschützt fühlen, aufgehoben.»
Aussergewöhnlich am Adullam ist zum einen: Hier befindet sich alles unter einem Dach, Spital und Pflege. Aussergewöhnlich ist auch die «Aktivierung». Spröder Begriff, abweisend wie ein Schloss vor einer Schatztruhe. Doch schaut man in die Truhe, stösst man auf vollen Einsatz, kreatives Tun, auf das pralle, bunte Leben. Esther Richard und ihr Team aus 13 Mitarbeitenden bieten den Menschen an den zwei Standorten Anregung, geistig, körperlich, sozial und emotional.
Was hätte ich gerne wenn ich hier wäre?
Sabine Eglin Buser, die CEO: «Wenn ich sehe, wie die Bewohnen- den mitmachen, diese Freude – das ist Lebensqualität! Wir erleben Menschen, die hier aufblühen, weil sie zu Hause allein waren.»
Esther Richard: «Wir holen sie dort ab, wo sie stehen. Ich frage mich: Was hätte ich gern, wenn ich hier leben würde? Wir fördern, unterstützen, begleiten.»
Claudia Wasmer: «So eine Aktivierung wie hier habe ich noch nie erlebt. Die Kolleginnen und Kollegen stellen täglich ein riesiges Angebot mit viel Herzblut auf die Beine. Und die Menschen gehen mit!»
Die Aktivierung arbeitet individuell. Ältere Menschen haben andere Bedürfnisse als sehr alte. In den Heimen in Basel und Riehen leben auch zwei 100-Jährige, fünf sind 101, einer ist 103.
Richard: «Einige sind in der Aktivierung noch voll dabei. Eine tanzt gern, sie macht alles, mit 101! Wir können dem Leben keine weiteren Stunden geben, aber den Stunden können wir Leben geben.»
Wasmer: «Wenn ich mit einer Idee komme, überlegen wir gemeinsam: Hey, wie sorgen wir dafür, dass alle mit anpacken?»
Eglin: «Ich finde toll, wie kreativ die beiden sind. Es macht Freude, mit ihnen zu arbeiten.»
«Eine Innovation, die mir besondere Freude macht: Wir haben eine mobile Heimarztpraxis.»
Kampagnen mit mutigen Themen
Ein Highlight von Kommunikation und Aktivierung sind die Kampagnen. Die Themen dieser Kampagnen berühren. Spannend sind sie, in der Gesellschaft aber oft noch Tabus. Das heisst: Sie fordern Mut. Themen wie «Sexualität im Alter». «Bei manchen ist viel aus der Kindheit hochgekommen», hören wir. Eine weitere Kampagne hiess «Schönheit im Alter». Dazu gab es eine Modenschau – Mitarbeitende und Bewohnende auf dem Laufsteg, einige im Rollstuhl. «Eine Bewohnerin hat mich zu Tränen gerührt», erinnert sich Wasmer. «Sie sagte: ‹Mein ganzes Leben hat mir noch nie jemand gesagt, dass ich schön bin. Bis heute.›»
CEO Sabine Eglin ist sichtlich froh über ihre Kolleginnen. «Mich begeistern die Ideen», sagt sie. «Etwa der Weihnachtsfilm letztes Jahr. Die Leute waren so stolz, sie wurden gefilmt!» Das Thema war «Stromausfall im Adullam». Ein Jazzmusiker komponierte einen Song, drum herum bauten sie eine Geschichte. Die Aktivierung motivierte die Leute und hat den Song mit ihnen einstudiert. In der Abschlussszene, noch immer ohne Strom, buken sie gemeinsam Guetzli, draussen auf dem Grill. Wasmer: «Bewohnende sagten hinterher: Können wir das jetzt jedes Jahr machen?»
Initiativ: Das Hospital at home
Im Adullam reden sie mit hörbarem Stolz über Neuerungen in Pflege und Betreuung. Eines der Häuser ist zum Beispiel auf Demenz spezialisiert und es gibt eine Spezialstation für Menschen, die nicht mehr selbstständig atmen können. CEO Eglin: «Eine Innovation, die mir besondere Freude macht: Wir haben eine mobile Heimarztpraxis. In vielen Heimen sind die Hausärzte nicht mehr präsent. Nun gehen unsere Ärzte in die Heime, sie machen dort auch Visite.»
Eben im Aufbau ist das «Hospital at home», ein Service des Adullam zusammen mit der Spitex Basel. «Patienten wollen immer mehr zu Hause betreut werden. Sofern möglich bringen wir künftig das Spital also nach Hause. Die Spitex, die Pflege, ist ja schon vor Ort.»
Wie kann ich mit Würde von der Welt gehen?
Langlebigkeit – in einem Haus wie Adullam ist dies natürlich ein grosses Thema. «Verlängerte Lebenszeit ist für mich eine ambivalente Sache», sagt Sabine Eglin. «Ich kann meine Erfahrungen länger einbringen. Doch die Qualität des Lebens muss stimmen. Es gibt ja die These, der Tod sei eine Krankheit, die man bekämpfen kann. Aber: Der Tod gehört zum Leben! Wir verdrängen ihn, und wir verdrängen das Alter. Ich behaupte, das Alter wird noch richtig trendy. Jetzt gehen die Babyboomer in Pension. Die sind selbst-bestimmt. Die wollen auch mitreden, wie sie sterben.»
Kürzlich, im Oktober, lief eine Kampagne mit dem Namen «Lebenswert. Liebenswert? Abschied». Adullams Bewohnende und die Mitarbeitenden feierten mit der Öffentlichkeit das Leben. Am Abend gab es ein öffentliches Gespräch zum Thema Sterbebegleitung. Palliativmediziner waren dabei und Vertreterinnen vom Verein Exit. Eglin: «Wir begleiten die Menschen, die uns anvertraut sind, auch auf ihrem letzten Weg. Wie kann ich mit Würde von der Welt gehen? Das ist für uns eine wichtige Frage.»
Katzen und Kois, Lamas und Lurche
Sabine Eglin, die Geschäftsführerin, eilt zu einem nächsten Termin, und wir, wir treten ins Grüne. Von Haus zu Haus zwischen Mittlerer Strasse und Missionsstrasse ist Raum, viel Raum. Fern vom Verkehr liegt eine Anlage mit Blumen, Büschen, Bäumen, mit Wegen, Spielplatz und zwei Teichen. In einem leben Kois, im anderen Axolotl, Schwanzlurche. Ein Park ist diese Anlage, eine Oase, halb Wald, halb Garten. In der grossen Oase gibt es kleine Oasen, im Grün verborgene Plätze mit Tischen und Stühlen. In dem Park leben Katzen, Eichhörnchen, ein Reiher und natürlich die Fische und Lurche.
Weitere Tiere sind öfter mal zu Gast im Adullam. Ponys und Geissen zum Beispiel, dann wieder Hühner oder Papageien, im Januar kommen Lamas. Und es gibt Therapiehunde, meist Labradore. Esther Richard: «Eine Bewohnerin war bettlägerig, ganz steif, auch die Hände. Als sie einen Labrador berührte, ist ihre Hand wieder aufgegangen. Und sie strahlte.»
«Man lernt zu entschleunigen.»
Und manchmal kommt ein Lächeln zurück
Was haben Sie im Adullam gelernt? Das fragten wir, als noch alle beisammensassen. «Man lernt zu entschleunigen», meint Claudia Wasmer. «Ich bin ein schneller Mensch. Wenn ich in Haus und Park unterwegs bin, setze ich mich zu den Leuten. Dann muss ich einen Gang runterschalten.» Sie habe gelernt, die kleinen Dinge zu schätzen, ergänzt Esther Richard. «Und ich lernte, dankbar zu sein, dass ich jeden Morgen aufstehen kann.»
Was gibt Ihnen die Arbeit im Adullam? «Als CEO habe ich meist die schweren Themen auf dem Tisch», sagt Sabine Eglin. «Da freut es mich, wenn ich ein Lächeln zurückbekomme.»
Frau Eglin, angenommen, Sie hätten einen Wunsch frei für den Um- gang unserer Gesellschaft mit alten Menschen. Wie lautet er? «Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der Altsein nicht als Defizit empfunden, sondern mit Schönheit, Würde und Erfahrung gleichgesetzt wird. Diese Menschen haben uns erst möglich gemacht. Und wir, wir können so viel von ihnen mitnehmen.»
Kurz und knapp
Die Stiftung früher
Am Anfang stand «Crowdfunding»: Vor gut 100 Jahren sammelte ein evangelischer Prediger Geld für ein Projekt – ein Altersheim für bedürftige Singles. Der Mann hiess Jakob Vetter-Baumann; als er das Geld zusammenhatte, ist er gestorben. In Basel grassierte damals die Spanische Grippe. Seine Frau Maria führte die Mission fort: Sie gründete 1919 die Adullam-Stiftung und übernahm die Leitung. 1927 eröffnete die Stiftung an der Missionsstrasse in Basel ein Altersheim mit 16 Plätzen.
Der Name geht zurück auf eine biblische Erzählung: David und seine Leute waren auf der Flucht vor König Saul, sie fanden Schutz in der Höhle Adullam. Das hebräische Wort bedeutet «verschlossener, versperrter Ort».
Die Stiftung heute
Adullam, gemeinnützig und privat, ist Anbieter von Spital- und Pflegeleistungen für betagte Menschen. Das Angebot der Stiftung, anfangs nur für Basel-Stadt bestimmt, richtet sich seit Langem an die gesamte Region. Keine besonderen Konditionen, keine Wartelisten.
Der Stiftungsrat hat sieben Mitglieder. Viele haben oder hatten hohe Funktionen im Gesundheitssektor. Das Führungsgremium legt Wert auf respektvollen Umgang mit älteren Menschen, auf eine niveauvolle Versorgung und motivierte Mitarbeitende.
Adullam in Zahlen: zwei Standorte, Basel und Riehen, jeweils mit Klinik und Heim. 800 Mitarbeitende, die Mehrheit in Basel. 150 Spitalbetten, über 200 Heimplätze.