Strichmännchen sind ihr Markenzeichen. Männchen in Aktion, ergänzt durch kurze Kommentare. Krogerus und Tschäppeler geben Lebenshilfe für Beruf und privaten Alltag. Auf unterhaltsame Weise vermitteln sie Wissen – in Bestsellern, in Kolumnen für «Das Magazin» oder auf Kreidetafeln, live auf der Bühne. Im Interview verraten sie, was das ist und wie man es wird: kreativ.
Die Dynamik des Duos
Kreativität – das ist unser Thema. Damit Ihr gleich kreativ werden könnt, überlassen wir Euch den Einstieg. Welche Frage hättet ihr euch heute als Erstes gestellt?
MIKAEL: Eine Frage, die wir einander oft stellen, ist: Wann hast du zum letzten Mal etwas zum ersten Mal getan? Roman, was war es bei dir?
ROMAN: Ich habe im August die Sonnenfinsternis gesehen! (Gelächter) Und du?
MIKAEL: Letzte Woche machte ich den Umzug meiner Tochter aus unserer Wohnung. Das war ein einschneidendes Erlebnis. Ich fühlte einen Transformationsschmerz, wie wir im Marketing sagen.
ROMAN: Brauchst du ein Taschentuch?
MIKAEL: Sie ist 19 und zog halt aus. Mir wurde bewusst: Das mache ich jetzt zum ersten Mal! Und auch nie wieder. Eine Periode endet, etwas Neues beginnt.
Ihr habt euch 2000 an einer dänischen Hochschule mit dem schönen Namen Kaospiloten kennengelernt. Was habt ihr dort fürs Leben gelernt, obwohl ihr dachtet, das sei Unsinn?
MIKAEL: Nach jeder Projektarbeit haben die Dozenten nicht nur geschaut: Wie gut war das Ergebnis? Sondern sie fragten auch: «Würdet ihr das in dieser Gruppe auf diese Art noch einmal so machen?» Was sie meinten, war: «Habt ihr den Weg so gestaltet, dass ihr ihn noch einmal gehen würdet?» Das hielt ich damals für falsch. Heute weiss ich: Der Prozess ist mindestens so wichtig wie das Ergebnis.
Wann war für euch klar, dass ihr zwei künftig gemeinsame Sache macht?
ROMAN: Schon bei der Aufnahmeprüfung der Kaospiloten. Drei Tage lang gab es schwierige Prüfungen. Wir wussten voneinander: Der Typ ist mein Konkurrent. Bei Präsentationen mussten wir uns eingestehen: Nicht schlecht, was der da gemacht hat!
Monate später trafen wir uns an der Schule wieder, und da war mir sofort klar: Das ist mein Go-to-Guy, mein Ansprechpartner. Mikael konnte ausserdem nicht wirklich wählen, ob er mein Freund wird. Er war einfach der Einzige, der auch Deutsch konnte! Also habe ich ihn mir gekrallt, und ob er wollte oder nicht, hatten wir schnell eine enge Beziehung.
Wer von euch zweien bringt die wilden Ideen? Und wer sagt öfter: Stopp, Moment mal!
MIKAEL: Das Verrückte lag lange bei mir. Ich bin der Ja-Sager. Ich habe einfach Bock auf die nächste Idee, habe stärker Lust, wieder was Neues zu machen. Roman hat den realistischen Blick des Produzenten: «Geht das überhaupt? Bringt es was? Und passt es zu dem, was wir bisher gemacht haben?»
ROMAN: Ja, die ersten zehn Jahre über war ich der Nein-Sager, der Bremser. Aber jetzt bin ich zurück mit verrückten Ideen.
Was war die wildeste Idee des einen, bei der der andere dachte: Das ist Humbug. Um später festzustellen: Doch, ja, könnte klappen.
MIKAEL: Der Einfall, Management-Theorien zu zeichnen und mit einem kurzen Text zu beschreiben – das war leider Romans Idee. Im Studium ist ihm aufgefallen, dass Dozenten Strichzeichnungen machten. Er hat sie abgezeichnet und Stichwörter dazu geschrieben. Damit wir uns später daran erinnern, was wir gelernt haben. Und dann meinte er: «Hey, lass uns das für ein Buch zusammentragen! Kennst du nicht einen Verleger, dem du das präsentieren kannst?» – Ich sagte: «Roman, das ist eine 90er-Jahre-Idee.» Und er hat gesagt: «Kann sein. Mach es bitte trotzdem.» Und so ging ich mit einem Stapel seiner handgezeichneten Papiere zu einem Zürcher Verlag und sagte: «Ich finde, das ist eine Scheiss-Idee, aber können Sie sich das mal anschauen?» Und der Verleger sagte: «Das ist gut!» Damit musste ich dann zu Roman gehen. Dumm gelaufen.
Was ist Kreativität?
Kreativität: Was ist das? Erklärt es uns bitte in zwei Sätzen – ohne die Wörter Idee, kreativ oder neu zu benutzen.
ROMAN: Du versuchst es, und ich mache «Möööp!», wenn du eines der Wörter sagst.
MIKAEL: Gut, Kreativität …
ROMAN: Möööp!
MIKAEL: … hat zwei Dimensionen: Die Idee muss anders sein als das, was bislang da ist. Das nennt man Divergenz. Zugleich muss sie nützlich sein. Das ist die Konvergenz. Eine Idee – Entschuldigung: ein Vorschlag – muss also anders sein als das Bestehende, aber nützlich für das Problem. Das wäre ein guter Einfall.
ROMAN: 100 Punkte. Hätte ich nicht besser sagen können.
Was verbinden viele Menschen mit Kreativität, obwohl es eigentlich nichts damit zu tun hat?
ROMAN: Der Begriff ist mehrfach besetzt. Das eine ist das schöpferische Arbeiten, also zum Beispiel handwerklich oder künstlerisch etwas herstellen, das andere ist das kreative Denken, also eine alternative, ungewöhnliche, verblüffende Lösung für ein Problem finden.
Was macht Menschen kreativer – eine knappe Deadline oder ein freier Tag ohne Termine?
MIKAEL: In der Forschung ist man sich da recht einig: Viel Zeit fördert nicht die Kreativität. Je strenger die Begrenzung, je schmaler das Suchfeld, desto mehr können wir uns konzentrieren. Absolute Freiheit löst Überforderung aus. Wenn jemand sagt: «Schreib ein Buch über irgendwas», weisst du nicht, was du machen sollst. Aber das Gegenteil wäre auch falsch: «Schreib ein Buch über die Verschiedenheit europäischer Tischbeine aus dem 17. Jahrhundert mit dem Blickwinkel eines Soziologen.» Das ist zu eng gedacht; damit wirst du auch nicht kreativ. Damit Menschen oder Teams Ideen entwickeln können, braucht es Fragestellungen, die offen und konkret zugleich sind. So offen, dass mehrere Ideen möglich sind, aber konkret genug, dass man überhaupt anfangen kann.
Wenige Striche, grosse Wirkung
Zu euren Strichmännlein. Eure Modelle – oft Männchen auf einer Doppelseite – sehen verblüffend einfach aus. Wie schafft ihr das? Was braucht es dazu?
ROMAN: Konkret läuft es so: Mikael macht für einen neuen Text einen ersten Entwurf, eine halbe Seite lang. Ich lese das und frage: «Ich verstehe das nicht, was willst du mir damit sagen?» Dann sagt er es mir, und dabei merkt er, wie er es einfacher erklären kann. Das ist ein guter Test: einen Gedanken haben, aufschreiben und dann einer anderen Person erzählen. Für meine Zeichnung mache ich ebenfalls einen Entwurf. Auch eine Zeichnung muss leicht verständlich sein. Zugleich schauen wir: Was ist das Kreative daran? Kann man etwas überhöhen, einen Aspekt übertreiben? Beim Zeichnen achte ich – wie Mikael beim Schreiben – darauf, dass ich nicht als Erstes das Thema google und schaue: Was gibt es schon? Das sollte man nie machen. Wenn die Idee dann da ist, kann man KI sehr wohl einsetzen und vergleichen. Und dann sehe ich: Okay, da scheint uns nichts Originelles eingefallen zu sein. Oder eben schon.
Was ist zuerst da: Ein Thema, über das ihr reden wollt? Oder ein Modell, das euch über den Weg gelaufen ist?
MIKAEL: Meistens ist erst das Thema da, und wir versuchen, es bildlich darzustellen.
ROMAN: Bei unserem ersten Buch «50 Erfolgsmodelle» gingen wir von vorhandenen Theorien, von Modellen aus. In den letzten zehn Jahren war unsere Arbeitsweise aber oft anders. Wir fragten: Welches Thema interessiert uns persönlich? Und dann suchten wir nach einer Theorie oder Forschungen dazu.
In welcher Form sammelt Ihr die Ideen oder die Modelle?
MIKAEL: Ich habe ein Word-Dokument, das heisst «Ideen». Ja, sehr simpel. Aber wenn ich die Ideen nicht aufschreibe, verschwinden sie.
ROMAN: Während der letzten 20 Jahren entstand wie von selbst ein Archiv aus Bildern und Texten, wahrscheinlich tausend Stück. Und dann gibt’s natürlich noch hunderte Notizzettel, auf denen sicher «geniale» Ideen draufstehen, die wir aber nicht mehr finden.
Kreativität im Beruf
Was kann und schafft ein Team, das zwei kreative Menschen allein nicht können?
MIKAEL: Leute werden in der Gruppe ja nicht kreativer, leider. Das wurde schon sehr genau untersucht: Der Einzelne ist kreativer. Und trotzdem brauchst du die Gruppe. Eine Erklärung ist: Du kannst ja nicht die ganze Zeit über kreativ sein! In einer Gruppe kannst du auch mal Pause machen. Wenn du allein bist, liegt alles bei dir, auch wenn es falsch läuft. Das wissen alle, die Tennis oder Golf spielen. Im Team kannst du Verantwortung verteilen, kannst abgeben und sagen: «Ok, jetzt bist du dran. Jetzt knallst du mal deine Ideen raus.»
Wann wird aus fünf guten Ideen eine wirklich gute gemeinsame Idee? Und wann ist es nur ein Kompromiss?
ROMAN: Die schnelle Antwort: Aus fünf Ideen wird nie eine gute Idee. (Gelächter) Nicht mal ein Kompromiss. Also, so funktioniert das nicht: «Das ist meine Idee, und das ist deine Idee, und damit du zufrieden bist, darfst du ein bisschen von dir reinbringen.» Das Team muss geeignete Prozesse gestalten, wie man die richtige Idee findet. Am Ende gilt nur: Das ist die Idee, egal von wem.
Der Arbeitsalltag im Büro besteht häufig aus Routinen. Ihr habt einen ganzen Fundus an Modellen. Mit welcher kreativen Idee oder Aktion käme man raus aus der Routine? Bitte einen Vorschlag von eurer Seite, als Zeichnung.
(Roman nimmt einen Skizzenblock und Stifte, die neben ihm liegen, und beginnt zu zeichnen.)
MIKAEL: Wie entsteht etwas Neues? Der erste Impuls ist bei vielen: Wir brauchen Inspiration! Und wenn einem nichts einfällt, guckt man aufs Handy, geht auf Social Media. Die Forschung sagt was anderes.
ROMAN: Tatsächlich brauchst du Ruhe.
MIKAEL: Es gibt den schönen Satz: «If you want to think outside the box, you have to think inside a box.» Du musst dich abschotten. Weniger Störungen. Und dann musst du die Langeweile aushalten und gucken, was passiert. In Experimenten wurde das untersucht: Einige durften sich Inspiration suchen, andere waren in einem weissen Raum eingeschlossen. Bei den Leuten der zweiten Gruppe sank der Puls, sie wurden ruhiger und mit der Zeit hatten die Leute in der Box mehr Ideen als die, die sich anregen lassen durften. Was kann man im Büro also anders machen? Meine Empfehlung: Hört auf mit diesen Open Offices! Führt die grösste Innovation für mehr Kreativität wieder ein: geschlossene Türen. Gebt den Leuten Raum, damit sie Ruhe haben, und Zeit in dieser Ruhe.
ROMAN zeichnet: Was es braucht, um die Dinge zu ändern … Mehr Ruhe also. Was noch? Es braucht auch Mut, kreativ zu sein, und Erlaubnis. Und als Drittes? Weil ich jetzt schon drei Kreise gezeichnet habe.
MIKAEL: Humor. Spass. Eine gewisse Leichtigkeit.
Was tötet eine gute Idee im Büro am schnellsten?
MIKAEL: Diese drei Sätze: «Haben wir schon mal probiert», «Geht nicht», «Zu teuer». Alle drei Einschätzungen können richtig sein. Doch sie ersticken alles Neue.
(Roman ist fertig mit seiner Zeichnung. Mikael sagt: «Schön hast du das gemacht.»)
Roman, erklärst du die Zeichnung?
ROMAN: Die Frage war: Was braucht es, um aus dem Trott rauszukommen und Dinge zu ändern? Erstens geschlossene Türen im Büro, damit man zur Ruhe kommt. Es braucht zweitens das Vertrauen in sich selbst und das der Vorgesetzten in uns. Und als dritte Zutat Spass. In der Schnittmenge dieser drei Kreise entsteht die Idee.
Kreativität im Alter
Wird man in späteren Jahren kreativer? Oder weniger kreativ, weil man schon so viele Antworten kennt?
MIKAEL: Studien weisen darauf hin, dass die Kreativität eher abnimmt. Du hast das Gefühl, vieles schon gesehen zu haben. Und gleichzeitig bist du weniger neugierig. Aber Neugier auf Unbekanntes ist die Voraussetzung, um neu zu denken.
ROMAN: Und die Muster werden im Alter härter. Man neigt dazu, sich selbst zu wiederholen. Man wird noch mehr so, wie man schon war. Ich glaube, im Alter musst man sich zwingen, Dinge anders zu machen, sich offen zu halten für neue Einflüsse. Das heisst: mit Leuten sprechen, die anders sind als man selbst. Musik hören, die man nicht schon mit siebzehn gehört hat. Sich aktiv wehren gegen den Trott.
MIKAEL: Wir müssen im übertragenen wie im wörtlichen Sinn neue Wege betreten. Ganz banal: Geh doch mal einen anderen Weg vom Bahnhof nach Hause. Du musst aufmerksamer sein, wenn du den Weg nicht kennst, offener für die Umgebung. Kinder sind kreativer als Erwachsene, sie sind offener für Neues, weil sie ständig Dinge zum ersten Mal tun. Und das passiert ab einem gewissen Alter nicht mehr von allein.
Die zwei Kreativen
Wann wart ihr zuletzt kreativ, ohne dass es mit eurem Beruf zu tun hatte?
ROMAN: Ich spiele gern Tennis. Vor Kurzem habe ich angefangen, mein Racket selbst zu bespannen. Irgendwer hat eine halbkaputte Bespannungsmaschine in den Club gestellt. Die Klemmen gingen zwar noch, doch ein Teil hatte sich gelöst. Man brauchte Leim, um es zu kleben. Hatte ich nicht. Ich musste das Racket aber jetzt bespannen, weil in einer Stunde mein Match begann. Irgendwo habe ich Honig gefunden, das hat gereicht. Meine kreative Lösung war also: Honig statt Leim.
MIKAEL: Was ich gerne mache: Wenn Roman und ich essen gehen, muss ich für Roman was bestellen und er für mich. Das macht Spass. Wie gut kenne ich dich eigentlich, was magst du?
ROMAN: Stimmt. Und wenn ich das Essen nicht mag, ist er schuld.
Was macht ihr, wenn ihr merkt, heute fällt mir nichts ein? Gibt es solche Tage überhaupt?
MIKAEL: Das ist Alltag! Der Normalzustand beim Kreativsein ist es, keine Idee zu haben. Diese Angst vor dem weissen Blatt. Mein Grundgefühl ist die Angst, keinen Einfall mehr zu haben.
Okay, und was macht ihr dann?
MIKAEL: Es ist ein Paradox. Einerseits muss man gegen diese Angst gehen: Also nicht warten, dass man eine brillante Idee hat, nicht schauen, was andere Tolles gemacht haben, und sich dann ärgern, dass man selbst nicht so kreativ ist, sondern einfach loslegen. Der Weg entsteht beim Gehen. Andererseits muss man auch akzeptieren, wenn nichts kommt, und es dann lassen. Kreativität ist wie eine Katze: Wir können sie nicht rufen, sie bestimmt selbst, wann sie kommt, an uns ist es, sie zu streicheln, wenn sie da ist.
Woran merkt ihr, dass der Knoten gleich platzt?
ROMAN: Für mich ist immer auch die Produzentensicht wichtig: Ich spüre, dass der Knoten dann platzt, wenn die Idee nicht nur grossartig tönt, sondern ich auch einen Weg sehe, wie man sie in die Wirklichkeit umsetzen kann.
Ihr dürft unseren Leserinnen und Lesern für morgen einen Tipp mitgeben. Eine Idee für mehr Kreativität. Was könnte das sein?
ROMAN: Versuch, die Perspektive zu wechseln, den Blickwinkel! Zum Beispiel so: Mach etwas, das du morgen erledigen musst, so, wie es deine beste Freundin oder dein Freund machen würde.
MIKAEL: Es gibt keine Universalrezepte, manchen hilft ein bestimmter Ort, Musik, eine besondere Stimmung, ich persönlich erlebe Kreativität oft in der Gegenwart bestimmter Menschen. Ein Tipp wäre also, darauf zu achten, in welchen Momenten und mit welchen Leuten man auf Ideen kommt – und dann diese Menschen oder Orte bewusst aufzusuchen.
Der gebürtige Finne Mikael Krogerus ist Journalist bei «Das Magazin» und unter anderem Träger des Grimme-Preises. Der Bieler Roman Tschäppeler ist Entrepreneur und Kreativproduzent. Beide sind Absolventen der dänischen Hochschule «The Kaospilots». Seit 2008 schreiben und zeichnen sie Kolumnen und Bücher. Ihre Werke wurden in 25 Sprachen übersetzt. Ihr jüngstes Buch heisst «UMDENKEN – ein Werkzeugkasten für Perspektivenwechsel» (Kein & Aber). Es ist ein Taschenmesser der Kreativität voller praktischer Methoden, kühner Theorien und aufschlussreicher Beispiele, um Probleme neu zu betrachten und anders zu lösen.
Im Buchhandel oder direkt bei den Autoren: www.rtmk.ch